Gossner, Johannes Evangelista - Briefe an eine leidende Freundin - Berlin, 26. April 1827

Liebe, teure Freundin im HErrn!

Längst hätte ich Ihnen geantwortet, allein viel Arbeit von allerlei Art hielt mich ab, oder ließ es mir nicht zu. Nun aber eine Gelegenheit mich dazu auffordert, indem morgen der Adjutant vom Kronprinzen nach Leipzig reist, so muss ich. Vielleicht kann er Ihnen diese Zeilen selbst übergeben.

Ich freute mich sehr über ihre lange Epistel mit Ihrer leidenden Hand geschrieben. Da sieht man, die Liebe kann mehr als die Stärke.

Wir nehmen den innigsten Teil an allen Ihren Leiden, da wir sehr vertraut sind mit Leiden. Auch die Idda leidet, kämpft immer und sehnt sich sehr nach Hause, darum fühlt sie doppelt Ihr Leiden mit. Ach wie wohl wird's tun, wenn man einmal rufen kann: Vollbracht, Überwunden! Der Strick des Fleisches ist entzwei, wir sind ewig frei.

Es wäre selbst mir eine Wohltat gewesen, wenn ich Sie in Ihren Leiden hätte besuchen dürfen; ich habe das immer auch mit Segen für mein Herz getan in meinem ganzen Leben.

Sie fühlten keine Lust abzuscheiden und zum Heiland zu gehen! Ja, das ist auch eine große Gnade, die wir nicht wert sind, dagegen ist die Liebe zum Leben, und Furcht oder Scheu und Unlust vor dem Tode unser Eigentum. In Demut muss man sich jene Gnade erflehen, bis es dem Heiland beliebt, sie uns zu schenken. Beim Kreuze des großen Sterbenden, der Alles, Alles erwarb, und wenn ich so sagen darf, erstarb dort liegts; wer dort gern und oft verweilt, der findet alles, auch das selige Heimweh, an dem die Schweizer sterben, und haben doch nur Schneeberge und Gletscher, und was haben wir im Vaterlande! Darum wer Golgatha und Gethsemane, diese heiligen Berge so liebt und so daran hängt wie die Schweizer an ihren Schneebergen, der hat's himmlische Heimweh gewiss. Er schenke uns den unverwandten Blick auf seine Berge, wo Er uns erstritt und erblutete!

Angestellt bin ich noch nicht; sie gehen beschwerliche Umwege mit mir, die es sehr verbittern und mich in schwere Kämpfe versetzen, und Niemand begreift mich - ich muss leiden, so lange der HErr will. Nur Gebet und Umgang mit Ihm kann mich aufrecht erhalten. Die Predigt, die K. in Leipzig hielt und deren Einteilung Sie mir schrieben, habe ich hier selbst von ihm gehört, denn er predigte hier dieselbe in der Marien-Kirche. Er ist sehr zufrieden gewesen mit den Leipzigern. In dem Brüdersaal habe ich nun die ganzen Feste gepredigt und werde es auch heute tun, mit großer Freude.

Die Maßregeln von Schw. Rud. gegen's Wuppertal sind gegen die Elberfelder Christen gerichtet. Licht gegen Finsternis, die alte Fehde, die nicht aufhören wird. N. ist die Alte, die eben getragen werden muss, wie wir getragen werden müssen, sonst würden wir ja in den Abgrund fallen, wenn uns die allmächtige Liebe nicht trüge. Gnade, Friede, Heil und Segen sei mit Ihnen, der Auferstandene stehe in Ihrem Herzen lebendig und bleibe Ihr Leben, Ihre Freude, Ihr Frieden ewig. Grüßen Sie ja innigst Ihre lieben Kinder. Ei warum sind wir so fern? Beten Sie für Ihren

Gossner.